Unter sich unter anderen


Bemerkungen zu Patrycja Germans Performance-Serie Kartenlegen




Jörg Scheller


Als Napoléon Bonaparte im Jahre 1812 seiner Niederlage in Russland gewahr wurde, wusste er der Situation immerhin einen Aphorismus abzuringen: „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.“ Hätte er doch auf seine Wahrsagerin Marie-Anne Lenormand hören sollen? Der Legende zufolge hatte sie ihm prophezeit, dass der Russlandfeldzug scheitern würde. Es wäre eine Ironie des Weltgeists, wenn ausgerechnet eine Agentin des als vormodern geschmähten Aberglaubens dem großen Modernisierer Europas das vorläufige Ende seines Vernunftsbellizismus datiert hätte. So stünde die Diagnose Horkheimers und Adornos, dass Aufklärung stets in Mythologie umschlage, gewissermaßen Kopf – Mythologie hätte sich unverhofft in Aufklärung verwandelt ...


Von dieser Episode ist nur ein Schritt zu den Performances von Patrycja German. Aber werfen wir zunächst einen Blick zurück, bevor wir auf ihre Orakelqualitäten zu sprechen kommen. In früheren Arbeiten reizte die Künstlerin selbstbewusst die Grenzen zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit aus, anstatt der häufig genug verkrampften, existentiellen Ernsthaftigkeit der kanonisierten Body Art zu frönen. Sie exponierte sich selbst, doch nicht im Geiste der „manische[n] Zentriertheit um den eigenen Körper als dem vermeintlich letzten Residuum des Authentischen in einer von Bildern überwucherten Welt“ , welche die radikale Performanceszene der 1960er- und 70er-Jahre kennzeichnete.


Vielmehr zeigte German in Performances wie A Radish A Day Keeps The Pain Away (2007) immer auch die Absurdität und die Komik, die der obsessiven Beschäftigung mit dem eigenen Körper und der eigenen Persönlichkeit unausweichlich innewohnt – den Russlandfeldzug all jener Performancekünstler also, die heute noch Grenzerfahrungen im White Cube feilbieten und dabei übersehen, dass die Massenmedien ähnliche eskalative Ziele verfolgen. Indem sie häufig das Publikum miteinbezog (u. a. in Gewicht (2005), Schenkeldrücken (2005), Polish Kiss (2006)), verlagerte sie den Fokus auf solche interaktiven, partizipativen und sinnlichen Erfahrungen, welche massenmedial vermittelte, letztlich voyeuristische Grenzgänge allen immersiven Tendenzen zum Trotz schuldig bleiben. Performance ist für German somit mehr als eine Aufführung vor Publikum – Performance ist immer auch eine Aufführung des Publikums im doppelten Sinne des Genitivs.


Der Interaktion mit dem Publikum und der Grenzregion zwischen Erhabenem und Lächerlichem bleibt German auch in ihrer Performance-Serie Kartenlegen (seit 2010, fortlaufend) verbunden. Darin greift sie eine Tradition auf, die fest im Aberglauben, in der Esoterik und allerlei weiteren atavistischen Peinlichkeiten verwurzelt zu sein scheint. Kartenlegen gilt als obskure Dienstleistung für unterforderte Hausfrauen oder kleinwüchsige Feldherren mit lustigen Hüten. Gleichzeitig steht aus historischer Sicht fest, dass das Kartenlegen, vergleichbar mit der Freimaurerei und dem Warenfetischismus, gerade im Zuge der Aufklärung eine Hochkonjunktur erlebte. Die Kartomantie ist das mythisch okkulte Korrelat zum Materialismus, zur Vernunftgläubigkeit und zur überbelichteten Fortschrittseuphorie der Moderne, wie auch die eingangs skizzierte Napoléon-Anekdote nahelegt.


Wenn German die Besucher ihrer Performance auffordert, sich von ihr etwa 40 bis 60 Minuten lang aus einem Set Lenormandkarten die Zukunft lesen zu lassen, so nimmt sie explizit auf diese Doppelbödigkeit der Moderne Bezug. Und wo könnte man sie besser zur Geltung bringen als im Kunstsystem, dem Hort institutionalisierter, aufgeklärter Esoterik und „individueller Mythologien“ (Harald Szeemann)? Hier greift noch immer der Duchamp-Effekt. Solange Kartenleger nur des Nachts im Privatfernsehen ihrem anrüchigen Gewerbe nachgehen, löst das bei den Betrachtern in den seltensten Fällen Überlegungen über die Dialektik der Aufklärung aus. Durch einen Transfer ins Kunstsystem hingegen werden genau jene Mehrdeutigkeiten zum Klingen gebracht, die jenseits bloßer Ablehnung oder bedingungsloser Affirmation bestehen. Wie bei Duchamps musealisiertem Urinal plötzlich auch formalästhetische Aspekte zu Tage traten, die der Alltagsgebrauch im wahrsten Sinne des Wortes weggespült hatte, so entwickelt das Kartenlegen bei German eine performative und interaktive Seite voller Ambivalenzen: Bin ich noch Teilnehmer einer interesselosen Kunstperformance oder schon Opfer eines esoterischen Hinterhalts? Sind Germans Orakelsprüche letztlich Nonsens oder doch ernstgemeinte Weissagungen? Sitze ich hier, weil mich die Grenzen des Kunstbegriffs interessieren, oder erhoffe ich mir insgeheim einen Wink des Schicksals? Dient mir das Kunstsystem vielleicht nur als hochkulturelles Feigenblatt, um einmal einer sonst indiskutablen Neigung nachzugeben?


Insofern erübrigt sich die Frage „Ist das überhaupt Kunst!?“ bei German auf ähnliche Weise wie einst bei Duchamp. Die Frage, das Be- und Hinterfragen ist das Kunstwerk. Moderne Kunst ist zuallererst ein verwinkelter Kommunikationsparcours abseits semiotischer Einbahnstraßen. German knüpft an jene Kultur ergebnisoffener dialogischer Prozesse an, die der Kunsthistoriker Beat Wyss mit den Begriffen Niklas Luhmanns als conditio sine qua non des Kunstsystems definiert hat: „Kunst stellt zweite Beobachtung in den Raum der Kommunikation. Die Künstlerin, der Künstler führt die Regie in diesem Akt. Die Aufnahme zweiter Beobachtung durch die Rezipienten kann sich im stummen Nachvollzug erschöpfen, sie kann aber auch ein Laiengespräch über Gott und die Welt eröffnen. Kunst schreibt nicht vor, was sie zu sagen habe. […] Der Kommunikationswert von Kunst liegt in ihrer Vieldeutigkeit. Anders gesagt: Das Kommunizieren zweiter Beobachtung über Kunst ist vorurteilsfrei.“ Wenn German die symbolische Gebühr von 20 Euro für eine Karten-Sitzung erhebt, so deutet sie aber auch an, dass die Freiheit der Kunst zur vorurteilsfreien Kommunikation nicht zuletzt der Anlehnung an den freien Markt, sprich der Ablösung von aristokratischer und klerikaler Patronage, zu verdanken ist.


Was am Ende von Germans Performances bleibt, sind ein gestempeltes Zertifikat für die Teilnehmer, eine Fotografie des Schauplatzes und die Erinnerung an eine ungewöhnliche Erfahrung zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Kasper König hat einmal über seine Liebe zum Museum und zu Kunstausstellungen gesagt: „Ich finde es schön, in Gesellschaft von Anderen, von Fremden, alleine sein zu können.“ Genau diese Dialektik kennzeichnet auch Kartenlegen: Eine persönliche und intime, für gewöhnlich im séparée vollzogene Zeremonie findet hier in Gesellschaft statt, Künstlerin und Teilnehmer sind gleichsam unter sich unter anderen. German verzichtet darauf, die Performance selbst zu dokumentieren. Die verschwiegenen Fotografien ihrer Settings – ein Tisch, zwei Stühle, eine Lampe – erinnern an Joel Sternfelds Fotografien von Tatorten, die nur den Ort, nie das Verbrechen zeigen. Von Tatort zu Tarot ist mitunter nur ein Schritt.




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1 Zitiert nach: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 5, Leipzig 1906, S. 314.
2 Christian Demand, Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte, Springe 2003, S. 219.
3 Beat Wyss, „Die Freiheit zweiter Beobachtung. Eine gesellschaftliche Notwendigkeit“, Vortrag gehalten beim Forum des Artistes im Volkshaus Biel, 16.-18.09.2005.
4 Jörg Scheller, „Der Amateur“ (Interview mit Kasper König), in: frieze d/e, Ausgabe 4, 2012 (hier zitiert nach: http://frieze-magazin.de/archiv/kolumnen/der-amateur/, letzter Zugriff 12.07.2012).







Between Ourselves Amongst Others


Notes on Patrycja German's performance series Card Reading




Jörg Scheller


When Napoléon Bonaparte became aware of his defeat in Russia in the year 1812, he was nevertheless able to wrest an aphorism from the situation: "From the sublime to the ridiculous is but a step." Perhaps he should have listened to his fortuneteller Marie-Anne Lenormand? According to legend, she had prophesied to him that the Russian campaign would fail. It would be the irony of weltgeist, if, of all people, an agent of superstition, reviled as pre-modern, had dated the preliminary end of Europe's great modernizer's rational warfare. Thus the diagnosis of Horkheimer and Adorno, that enlightenment always reverts to mythology, would virtually have stood on its head - mythology would have unexpectedly transformed into enlightenment…


It is but a step from this episode to the performances of Patrycja German. But let us first take a look back, before we come to speak on her qualities as an oracle. In earlier work the artist self-confidently walked the line between sublimity and ridiculousness, instead of indulging in that frequent, cramped, existential sobriety of canonized body art. She exposed herself, but not in the spirit of the "manic self/body-centeredness as the allegedly last residue of authenticity in a world overrun with images" , which characterized the radical performance scene of the 1960's and 70's.


Instead German's performances, such as A Radish A Day Keeps The Pain Away (2007), always also showcased the absurdity and the humor which are inescapably inherent to obsessive engagement with one's own body and own personality - the Russian campaign of all of those performance artists, who even today peddle borderline experiences within a white cube, overlooking the fact that the mass media pursue similar escalative goals. By frequently engaging the viewers (Weight (2005), Leg Wrestling (2005), Polish Kiss (2006) et al.), she shifted the focus towards such interactive, participatory and sensual experiences, ones which mass media-conveyed, basically voyeuristic transgressions cannot supply, notwithstanding all of their immersive tendencies. Thus performance is more than a public presentation for German - performance is always also the audience's performance, in the double sense of the genitive.


German remains true to her practice of interaction with the audience and the borderline between the sublime and the ridiculous in her performance series Card Reading (since 2010, ongoing). Here she takes up a tradition which seems to be firmly rooted in superstition, esotericism and miscellaneous other atavistically embarrassing spheres. Card reading is considered an obscure service for under challenged housewives or runtish generals with funny hats. At the same time it is clear from a historical perspective that card reading, comparable to freemasonry and commodity fetishism, experienced a boom precisely in the course of enlightenment. Cartomancy is the mythical-occultist correlate to materialism, to the faith in reason and the overexposed progress euphoria of modernism, as the initially outlined Napoléon anecdote also suggests.


When German invites the audience of her performance to let her read their future for about 40 to 60 minutes from a set of Lenormand cards, she refers explicitly to this modernist ambiguity. And where could one feature it better than within the art system, the stronghold of institutionalized, enlightened esotericism and "individual mythologies" (Harald Szeemann)?? Here the Duchamp effect still works. As long as cartomancers ply their dubious trade strictly at night on commercial television, it only induces the onlookers to reflect on the dialectics of enlightenment in the very rarest cases. The transferral into the art system, however, causes exactly those ambiguities to surface which exist beyond sheer rejection and unconditional affirmation. The way that formal, aesthetic aspects became manifest in Duchamp's museified urinal, which everyday use had flushed away, in the truest sense of the word, is also how German's card reading develops a performative and interactive side full of ambivalences: Am I still the participant in an indifferent art performance or already the victim of a esoteric ambush? Are German's oracle assertions ultimately nonsense or actually earnest prophecies: Am I sitting here because the boundaries of the concept of art interest me, or do I secretly expect an omen? Is the art system maybe just serving as a high-cultural fig leaf so that I can for once give in to an inclination that would otherwise be out of the question?


Thus with German the question "Is this really art!?" is rendered superfluous in a similar way as it once was with Duchamp. The query, the asking and the questioning is the work of art. Modern art is above all a winding communication labyrinth, located off the tracks of semiotic one-way streets. German is rooted in the culture of unbiased dialogical processes, which the art historian Beat Wyss defined as the conditio sine qua non of the art system using the terminology of Niklas Luhmann: "Art places a second observation into the realm of communication. The artist plays the role of the director in this act. The initiation of a second observation by the recipients can amount to nothing more than mute comprehension, but it can also start off a layman's discussion about God and the world. Art does not stipulate what it has to say. […] The communication value of art lies in its ambiguity. In other words: Communicating the second observation of art is unprejudiced." When German charges the symbolic fee of 20 Euro for a card reading session, she also suggests that the freedom of art in terms of unprejudiced communication is not lastly based on and courtesy of the free market, speak the detachment from aristocratic and clerical patronage.


What remains at the end of German's performances is a stamped certificate for the participants, a photography of the scene and the memory of an unusual experience between intimacy and publicness. Kasper König once said about his love for museums and art exhibitions: "I find it beautiful to be able to be alone in the company of others, of strangers." Precisely this dialectic also characterizes Card Reading: Here a personal and intimate ceremony, usually carried out in a private room, takes place in company, artist and participant are, as it were, amongst others. German eschews documenting the performance. The discreet photographs of their settings - a table, two chairs, a lamp - recall Joel Sternfeld's photograph of crime scenes, which show only the site, never the crime. From scene of crime to the spread of cards it is but a small step.




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1 Quoted after: Meyers Großes Konversations-Lexikon , volume 5, Leipzig 1906, p. 314.
2 Christian Demand, Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte, Springe 2003, p. 219.
3 Beat Wyss, „ Die Freiheit zweiter Beobachtung. Eine gesellschaftliche Notwendigkeit", lecture held at the Forum des Artistes in Volkshaus Biel, 16. - 18.09.2005.
4 Jörg Scheller, „Der Amateur “(interview with Kasper König), in: frieze d/e, issue 4, 2012 (quoted after: http://frieze-magazin.de/archiv/kolumnen/der-amateur/, last access 7.12.2012).